Propranolol bei Hämangiomen
Léauté-Labrèze, C., De La Roque, E. D., Hubiche, T., Boralevi, F., Thambo, J.-B., & Taïeb, A. (2008). Propranolol for Severe Hemangiomas of Infancy. New England Journal of Medicine, 358(24), 2649–2651. https://doi.org/10.1056/NEJMc0708819
Was bitte haben kindliche Hämangiome und Propranolol mit Homöopathie zu tun?
Im Jahr 2008 schreibt die französische Ärztin und Kinderdermatologin Christine Léauté-Labrèze einen Brief an die Herausgeber des New England Journal of Medicine. Ihre nur 11 Kasuistiken, vor allem die beigefügten Bilder, sind so aufsehenerregend, dass diese unter "Correspondence ... to the Editor" publiziert werden.
Es handelt sich also nicht um eine randomisierte Doppelblindstudie, sondern um einen Brief an den Herausgeber des renommierten New England Journal of Medicine, in dem die Autorin eine sehr detaillierte Beschreibung der Heilung von mehreren Fällen von kindlichen Hämangiomen durch Propanolol beschreibt. Die Entdeckung, dass therapiebedürftige kindliche Hämangiome sich mit dem nichtselektiven Betablocker Propanol schnell, effizient und ohne größere Nebenwirkungen zurückbilden, scheint ein Zufallsbefund zu sein, der erst wenige Jahre alt ist. Wie kommt es zu dieser ungewöhnlichen Entdeckung?
Lassen wir die Entdeckerin, die Kinderdermatologin Christine Léauté-Labrèze aus Bordeaux selbst sprechen:
„Trotz des selbstlimitierenden Verlaufs können infantile kapilläre Hämangiome vitale oder sensorische Funktionen beeinträchtigen oder Entstellung verursachen. Kortikosteroide sind für die Behandlung von problematischen Hämangiomen die erste Wahl; andere Optionen schließen Alpha-Interferon und Vincristin ein.
Wir haben beobachtet (Hervorhebung D. Müller), daß Propanolol das Wachstum dieser Hämangiome hemmen kann.
Unsere vorläufigen Daten von 11 Kindern ...: Das erste Kind hatte ein nasales Hämangiom. Zwar stabilisierte sich unter Behandlung mit Corticosteroiden die Läsion, aber es entwickelte sich als Nebenwirkung eine obstruktive hypertrophe Kardiomyopathie, so dass der Patient mit Propanolol behandelt wurde. Am Tag nach Beginn der Behandlung, veränderte das Hämangiom seine Farbe von intensiv rot zu purpurfarben und die Konsistenz wurde weicher. Die Kortikosteroide wurden ausgeschlichen, aber das Hämangiom verbesserte sich weiter. Nachdem die Kortikosteroide abgesetzt wurden, konnte kein erneutes Wachstum des Hämangioms beobachtet werden. Im Alter von 14 Monaten, war das Hämangiom komplett abgeflacht.
Das zweite Kind hatte ein großflächiges infantiles Hämangiom, das die komplette rechte obere Extremität und einen Teil des Gesichts einnahm. Im Alter von einem Monat entwickelte sich eine subkutane Komponente, trotz einer Kortikosteroid-Behandlung vergrößerte sich das Hämangiom weiter. Eine MRT-Untersuchung ergab eine intra-und extrakonale Beteiligung der Orbita sowie eine intrazervikale Masse, die eine Kompression und Verschiebung von Tracheaund Ösophagus verursachte. Die Ultraschalluntersuchung zeigte ein erhöhtes Herzzeitvolumen und die Behandlung mit Propanolol in einer Dosis von 2 mg/kg KG pro Tag wurde begonnen. Sieben Tage später war das Kind fähig, sein Auge eigenständig zu öffnen und die Gewebevermehrung in der Nähe der Parotis verkleinerte sich erheblich. Prednisolon wurde im Alter von 4 Monaten abgesetzt, ohne dass es wieder zu einer Größenzunahme des Hämangioms gekommen wäre. Mit 9 Monaten war die Augenöffnung zufriedenstellend und keine größere Visusabschwächung konnte festgestellt werden.
[…] Propanolol wurde weiteren neun Kindern verabreicht, die ein ausgeprägtes oder entstellendes infantiles Hämangiom entwickelten. Bei allen Patienten konnten wir innerhalb 24 Stunden nach Beginn der Therapie eine Veränderung der Farbe von hellrot nach purpurfarben beobachten. Diese Farbveränderung war begleitet von einer tastbaren Erweichung der Läsionen. Nach diesen anfänglichen Veränderungen verbesserten sich die Hämangiome weiter, bis sie praktisch flach im Hautniveau mit vereinzelten Teleangiektasien waren […]
Die Regulation des Hämangiom-Wachstums und Zurückbildung sind noch nicht bekannt […]“
Im Anschluss stellt die Autorin mehrere Hypothesen auf, wie die überraschende und nebenwirkungsarme Wirkung von Propanolol zu erklären sei, schlüssige Beweise für den Wirkmechanismus sind bis heute nicht ausreichend vorhanden.
Jahre später verwendet die Autorin und Entdeckerin dieser sehr effizienten Behandlung in einem Interview den Begriff Serendipität für ihre Entdeckung.
Serendipität oder Serendipity ... bezeichnet eine zufällige Beobachtung von etwas ursprünglich nicht Gesuchtem, das sich als neue und positiv überraschende Entdeckung erweist. Serendipität betont eine über einen Zufallsfund hinausgehende intelligente Schlussfolgerung bzw. Findigkeit in Form einer Bereitschaft, den Zufall zu erkennen und ihn dann zu nutzen. Quelle: Wikipedia, Abruf am 19.08.26
Bekannte Beispiele für Serendipität sind die Entdeckung Amerikas 1492, die Entdeckung der Röntgenstrahlung, des Penicillins und Viagras, des Sekundenklebers oder der kosmischen Hintergrundstrahlung, aber auch die Entdeckung des Benzolrings, des Klettverschlusses, des Teflons, Linoleums, der Nylonstrümpfe …
Auf Christine Léauté-Labrèze trifft der wohl in diesem Zusammenhang oft zitierte Satz zu: „Der Zufall begünstigt nur einen vorbereiteten Geist.“
Hören und / oder sehen wir C. Léauté-Labrèz noch ein wenig zu, Du kannst auch die wirklich eindrucksvollen Bilder des Behandlungsverlaufes sehen (Ted-Talk https://www.youtube.com/watch?v=N1RJdSFWsoI):
Wir haben einen unerwarteten Effekt eines seit 50 Jahren bekannten Arzneimittels beobachtet … In einem Zeitalter der modernen Medizin, wo wir Gesichter transplantieren und künstliche Herzen implantieren, können wir auch einfach immer noch den Patienten anschauen und beobachten, was passiert … Und wir können das Glück haben, auf etwas zu stoßen, auf eine Behandlung, die wirklich gut funktioniert, und für die wir bisher keine wirkungsvolle Therapie hatten …
Die Ironie der Geschichte ist, dass uns genaue Beobachtung eines Patienten erlaubte innerhalb kürzester Zeit eine Therapie für diese Erkrankung zu finden, für die es sonst 5 bis 10 oder mehr Jahre Forschungsarbeit gebraucht hätte.
Was lehren uns diese Kasuistiken?
- Nur durch exakte Beobachtung gelingt es unserer französischen Kollegin Léauté-Labrèze den Zusammenhang zwischen Propanolol und der raschen Rückbildung der kindlichen Hämangiome herauszufinden. Vermutlich wurden schon mehrere Kinder vorher durch Propanolol „versehentlich“ geheilt, man nennt das auch negative Serendipität, der kausale Zusammenhang wurde sicherlich das ein oder andere Mal einfach übersehen.
- Nachdem die Wirkung erkannt war, wurden weitere Kinder mit Erfolg behandelt. Dass die Wirkung auf Propanolol eindeutig zurückzuführen ist, ist C. Léautè-Labrèze sicherlich schon nach der zweiten, spätestens dritten erfolgreichen Behandlung klar gewesen. Ärztliche Erfahrung und genaue Beobachtung machen diese neuartige, schonende und nebenwirkungsarme Therapie erst möglich. Natürlich wurde später eine randomisierte Doppelbildstudie durchgeführt, die das Ergebnis wie erwartet bestätigte1. Grundvoraussetzung war jedoch die exakte Beobachtung. Ähnliches erleben wir in der homöopathischen Praxis: exakte Beobachtung und exakte Arzneiwahl gepaart mit viel klinischer, jahrelanger Erfahrung führen zu überraschenden Ergebnissen. Die Arzneiwahl erfolgt aufgrund der auffälligen Symptome des Patienten und ist individuell. Dies mag auch die Schwierigkeit von randomisierten Studien in der Homöopathie erklären.
- Es mag banal, vielleicht sogar sarkastisch klingen: Die Wirkung von Propanolol bei kindlichen Hämangiomen tritt zuverlässig ein, obwohl bis heute der dafür verantwortliche genaue Wirkmechanismus unbekannt ist, und obwohl es bei den ersten Fälle noch keine Doppelblindstudie gab.
- Warum hat es dann die Homöopathie so schwer? Auch hier gibt es eine Unzahl von eindrucksvollen Kasuistiken und sehr viele ausgezeichnet dokumentierte Fälle mit unerwarteten und nicht erklärbaren Heilungsverläufen. In Meta-Analysen werden die größten klinischen Effekte in den qualitativ hochwertigsten Studien statistisch so signifikant beobachtet. Trotzdem werden diese wissenschaftlichen Ergebnisse, die nicht nur am Patienten, sondern auch im Labor z.B. an Pflanzen gemacht werden, geleugnet.
- Das ist umso weniger verständlich, wenn homöopathische Arzneimittel in stofflichen Dosen (bis zur D12 /C12) verordnet werden, toxische Wirkungen entwickeln können. Nur zum Vergleich: Hahnemann führt seine Prüfung der Chinarinde mit „zweimal täglich 4 Quentchen“ durch, das sind 29,2 g pro Tag. Resochin enthält den gleichen Wirkstoff: hier dürfen pro Woche maximal 500-750 mg eingenommen werden, die kumulative Dosis darf 70 g nicht überschreiten. Hahnemann verabreichte also keineswegs wirkungslose Zuckerkügelchen. Was heute wenigen bewusst ist: homöopathische Ärzte haben zwischen 1810 und ca. 1870 in der Regel ausschließlich tiefe, also wirkstoffhaltige, zum Teil toxische Potenzen angewendet.
- Die Anwendung der Hochpotenzen wiederum entwickelte sich rein aus Erfahrung, die meisten homöopathischen Ärzte waren den Hochpotenzen gegenüber sehr skeptisch, ja es gab unter homöopathischen Ärzten heftige Auseinandersetzung über die Wirkungslosigkeit / Wirkung dieser chemisch wirkstoff-freien Globuli. Diese zum Teil sehr hitzig geführte Auseinandersetzungen sind in vielen homöopathischen Journalen belegt.
- Bereits Hahnemann - Chemiker und Arzt - wusste sehr genau, dass hohe Potenzen keine stoffliche Substanz enthalten und trotzdem wirken, dass gleichzeitig schwere toxische Wirkung durch die Potenzierung der Arzneien unmöglich sind. Aus der Corona-Pandemie können wir durch vielfache Beobachtungen bestätigen, dass gerade hohe Potenzen schneller helfen und auch den Heilungsverlauf deutlich abkürzen. Niedrige Potenzen schwächen die Symptomatik zwar ab, aber verkürzen den Verlauf nur minimal, verhindern aber schwere Verläufe.
Zusammenfassung: Es gibt nur einen Grund, der nach jetziger wissenschaftlicher Datenlage gegen die Homöopathie spricht: Hochpotenzen enthalten keine chemisch-meßbare Substanz und können deswegen nicht wirken. Dieser Schluß entbehrt jeder wissenschaftlichen Logik, und negiert viele Ergebnisse aus der Grundlagenforschung anderer Bereiche, z.B. der Quantenphysik .
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:Léauté-Labrèze, C., Hoeger, P., Mazereeuw-Hautier, J., Guibaud, L., Baselga, E., Posiunas, G., Phillips, R. J., Caceres, H., Gutierrez, J. C. L., Ballona, R., Friedlander, S. F., Powell, J., Perek, D., Metz, B., Barbarot, S., Maruani, A., Szalai, Z. Z., Krol, A., Boccara, O., … Voisard, J.-J. (2015). A Randomized, Controlled Trial of Oral Propranolol in Infantile Hemangioma. New England Journal of Medicine, 372(8), 735–746. https://doi.org/10.1056/NEJMoa1404710 ↩