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Arzneiprüfung am Gesunden QS

Warum Arzneimittelprüfung?

Hahnemann ist unzufrieden mit der Medizin seiner Zeit wegen der spekulativen Arzneiwahl, der häufig toxischen Wirkung der Arzneien und der Anwendung von Mischsubstanzen in nicht klar definierten Mengen. Er beschränkt sich viele Jahre lang auf das Studium und Übersetzung von medizinischen Literatur, derer er habhaft werden kann, zu. Dabei stößt er zunächst auf das Ähnlichkeitsgesetz.

Warum prüfen, wenn kein Wirkstoff enthalten ist?

An der Homöopathie wird immer wieder kritisiert, dass sie ja gar nicht wirken könne, da homöopathische Arzneimittel keine stoffliche Substanz enthalte. Was ist dran an dieser Behauptung?

Eine der ersten systematischen Arzneimittelprüfungen, die Hahnemann durchführt, ist der Chinarinden-Versuch im Jahr 1790:

Ich nahm des Versuchs halber etliche Tage zweimahl täglich jedesmal vier Quentchen gute China ein; die Füße, die Fingerspitzen u.s.w. wurden mir erst kalt, ich ward matt und schläfrig, dann fing mir das Herz an zu klopfen, mein Puls ward hart und geschwind; eine unleidliche Aengstlichkeit, ein Zittern (aber ohne Schauder), eine Abgeschlagenheit durch alle Glieder; dann Klopfen im Kopfe, Röthe der Wangen, Durst, kurz alle mir sonst beim Wechselfieber gewöhnlichen Symptomen erschienen nach einander, doch ohne eigentlichen Fieberschauder. Mit kurzem: auch die mir bei Wechselfiebern gewöhnlichen und besonders charakteristischen Symptomen, die Stumpfheit der Sinne, die Art von Steifigkeit in allen Gelenken, besonders aber die taube widrige Empfindung, welche in dem Periostium über allen Knochen des ganzen Körpers ihren Sitz zu haben scheint -- alle erschienen. Dieser Paroxysm dauerte zwei bis drei Stunden jedesmal, und erneuerte sich, wenn ich diese Gabe wiederholte, sonst nicht. Ich hörte auf, und ich war gesund. 1

Wieviel sind vier Quentchen? Ein Quentchen sind 3,65 Gramm, 4 Quentchen also 14,6 Gramm, also täglich 29,2 Gramm. 1 Gramm Chinarinde enthält je nach Qualität ungefähr 40 mg Chinin. Hahnemann nimmt also täglich circa 1,2 g reines Chinin ein, das über mehrere Tage. Wie sind die Dosierung heutiger Chininhaltiger Medikamente? Limptar, ein Medikament für Wadenkrämpfe wird einmal täglich 1 Tablette mit 200 mg eingenommen. Eine Überdosierung von Chinin wird in der Toxikologie als Cinchonismus bezeichnet.

Hat sich Hahemann die Symptome vielleicht ausgedacht? Wenn wir einen Blick in die Nebenwirkungen von Limptar (Chininsulfat) und den Chinchonismus, dem klassischen Toxizitätssyddnrom bei Chininexpostion, werfen, finden wir folgendes:

  • Angstreaktionen, Verwirrheitszustände, Benommenheit, Schwindel
  • Tonuserniedrigung
  • Kopfschmerzen
  • Exanthem, Angioödem, Urtikaria, Flush-Symptomatik
  • Par- und Dysästhesien, periphere Neuropathie und Polyneuropathie
  • Herzerkrankungen, Herzrythmusstörungen, Palpitationen
  • Myasthenisches Syndrom, Myopathien
  • Fieber
  • Vasodilatiation und Schwitzen
  • Tremor

Auch hier muß man Hahnemann zugestehen, dass er zahlreiche typische Nebenwirkungen exakt herausgeprüft und lebendig beschrieben hat. Erstaunlich ist, dass er als alleiniger Prüfer einen Großteil typischen akut-toxischen klinischen Symptome an sich beobachtet hat.

Toxische Dosen: Hahnemann prüft anfangs also mit materiellen, sicherlich toxischen Dosen. Die Behauptung, Homöopathie arbeite nur mit Arzneien, "wo nichts drin ist", kann damit als sicher widerlegt angesehen werden.

Warum prüft Hahnemann potenzierte Arzneien?

Die unerwünschten starken Nebenwirkungen insbesondere giftiger Substanzen bleiben Hahnemanns genauen Beobachtungsgabe nicht verborgen. Sie können ihm auch nicht entgehen, da er alle Substanzen immer auch an sich selbst prüft. Wer von den heutigen Ärzten kann das von sich sagen? Besonders schwächliche und empfindliche Menschen leiden so heftig unter der Arzneiwirkung, dass Hahnemann mit der Einnahmedosis zu experimentieren beginnt. Um die Ergebnisse reproduzierbar zu machen und die Arzneiherstellung auf sichere Grundlagen zu stellen, gibt er äußerst exakte Vorgaben, auch in Bezug auf die Gewichtsangaben der zu prüfenden Arzneien.

Dazu beginnt er die Arzneimittel mit Milchzucker zu vermischen oder in einer Alkohol-Wasser-Mischung zu verdünnen, wiederum nach exakten Vorgaben in Bezug auf die Mengenangaben. Durch das reine Verdünnen verliert sich die Arzneiwirkung nach wenigen Verdünnungsschritten, was für jeden klar denkenden Menschen einfach nachzuvollziehbar ist. Hahnemann gibt sich damit nicht zufrieden.

Er beginnt die Arzneien zu verdünnen und zu verschütteln. Dabei macht eine nicht erwarbare, durch bloßes Nachdenken nachvollziehbare, erstaunlichere Entdeckung: Die von ihm so bezeichnete Potenzierung, also die vielfach wiederholte Prozedur der Verdünnung und Verschüttelung der Arzneien reduziert nicht nur toxischen Nebenwirkungen, sondern sie bringt eine große Menge an bisher verborgen gebliebenen Arzneikräfte zum Vorschein. Hahnemann als exakter Forscher und Beobachter wiederholt die Experimente an sich, an Familienmitglieder, an Kollegen und deren Umfeld mit verschiedensten Stoffe und kann diese Erfahrung immer wieder reproduzieren. Insgesamt prüft und publiziert er über 100 Arzneimittel, deren Arzneisymptome auch noch heute Grundlage für die Behandlung von Kranken sind. Dass Hahenmanns Arzneiprüfungssymptome noch heute für die Arzneiwahl verwendet werden können: Auch das ist mehr als erstaunlich, wenn man bedenkt, wie kurz der Lebenszyklus nicht weniger zunächst hochgepriesener schulmedizinischer Arzneimittel heutzutage ist: kaum mit viel Werbung auf den Markt gebracht, verlieren diese nach kurzer Zeit wegen Wirkungslosigkeit oder schwerer nicht akzeptierbarer Nebenwirkungen die Zulassung.

Wichtige Keynotes zu Arzneimittelprüfungen

  • Im Organon §§ 105-144 gibt Hahnemann sehr genaue Anweisungen zu Arzneimittelprüfungen.
  • Die Arzneien müssen sorgfältig und umfassend geprüft werden, um auf gesicherter Basis eine Ähnlichkeitsbeziehung zwischen den Symptomen des Patienten und einem passenden Simile bzw. Arzneimittel herzustellen.
  • Die ersten Arzneiprüfungen, z.B. der Chinarindenversuch werden mit toxischen Dosen durchgeführt.
  • Später verwendet Hahnemann die Substanzen in potenzierter Form, meist in der Potenz C30.
  • Zu seinem Erstaunen stellt er fest, dass höhere Potenzen einen größeren Reichtum an bisher nicht vermuteten Symptomen bei Arzneiprüfungen zeigen.
  • Hahnemann macht sehr exakte Angaben, wie Arzneiprüfungen ablaufen müssen.
  • Homöopathische Arzneimittel werden in der Regel an Gesunden geprüft, schulmedizinische Arzneien werden in der Regel an kranken Menschen getestet.
  • Man darf nicht aufgrund von Geruch, Geschmack oder Aussehen der Arznei auf deren hypothetische Wirkung schließen. Hahnemann besteht auf vorurteilsfreier Arzneimittelprüfung.
  • Die Arzneiprüfungen müssen an Männern und Frauen stattfinden.
  • Hahnemann legt große Sorgfalt darauf, wie Ausganssubstanzen gesammelt und verarbeitet werden.
  • Jeder Arzneistoff ist in reiner Form ohne jegliche Zusätze herzustellen.
  • Die Prüfer der Arzneien müssen vor und während der Prüfung eine strenge Diät einhalten.
  • Die Versuchspersonen müssen als glaubwürdig und gewissenhaft bekannt sein.
  • Die Versuchspersonen müssen bei Auftreten von Symptomen die Umstände der Besserung und Verschlechterung der Symptome systematisch beobachten. Der Prüfungsleiter soll sie dabei unterstützen. Im engen und kontinuierlichen Kontakt mit den Arzneiprüfern soll er dafür sorgen, dass die Symptome sofort nach Auftreten exakt schriftlich dokumentiert werden. Auch der Zeitpunkt des Auftretens, die Dauer und Zeitpunkt des Aufhören der Prüfungssymptome müssen ebenso wie die Höhe der Potenz und die Häufigkeit der Einnahme notiert werden.
  • Alles Vermutete, Behauptete oder Erdichtete muss ausgeschlossen werden.
  • Die qualitativ hochwertigsten Symptome stammen von gesunden, vorurteilslosen feinfühligen homöopathischen Ärzten. Durch das persönliche Erleben der Wirkung potenzierter Arzneien wird dies zu einer unleugbaren Tatsache und die Beobachtungsgabe verfeinert. Nach Hahnemanns Erfahrung wird die eigene Gesundheit robuster und widerstandsfähiger.
  • Wenn eine genügend großer Arzneischatz vorhanden ist, so Hahnemann, wird das Heilgeschäft den mathematischen Wissenschaften an Zuverlässigkeit nahekommen.

Wenn Du mehr über Arzneimittelprüfungen erfahren willst, lies weiter im Kapitel Grundwissen Homöopathie!


  1. Cullen, W. (1790). William Cullen´s Abhandlung über die Materia medika: Zweiter Band. Schwickertscher Verlag, Leipzig. 109 ↩